Die Einladung, im Juli auf dem Great Lakes Festival of Puppetry
in Madison, Wisconsin, USA, zu spielen, verdankte ich dem Erfolg meines
ersten USA Besuches 1999. Gigi Sandbergs hatte sich dafür eingesetzt,
dass ich beim Festival of the Millennium" der Amerikanischen Puppenspieler
in
Seattle meine Inszenierungen zeigen und Workshops abhalten konnte. Dorlis Grubidge, Künstlerische Leiterin des Madison Festival, hatte mich in Seattle gesehen und gefragt, ob ich auf ihrem kleineren regionalen Festival spielen würde. Das war eine grosse Auszeichnung für mich, denn die einzigen internationalen Akteure ausser mir waren die Vietnamesischen Wasserpuppen.
Und wie schon Seattle, war auch das Great Lakes Festival hauptsächlich dem Puppenspiel mit Marionetten und Handpuppen vorbehalten. Das bedeutete vor einem kritischen Publikum zu spielen.
Ich zeigte mein Stück über den englischen Maler Turner: Mr. Turner gets steamed up" und war froh, dass das amerikanische Auditorium über die englischen Spässe" lachen konnte und die visuellen Effekte ankamen.
Ich spielte mein Stiick in einer Spätvorstellung als Doppelveranstaltung mit Bruder John Bankert, einem Mönch des Franziskaner Ordens aus New York, der Euripides' griechische Tragödie Die Bakchen" bot. Seine Aufführungg in einer einfachen Dekoration aus Säulen und mit Figuren im altgriechischen Stil bildete einen kompletten Kontrast zu meiner Spielweise. Er sprach alle Stimmen live" und hatte die originelle Idee, die Personen des fluchbeladenen Königshofes im Südstaatendialekt sprechen zu lassen. Gegen Ende des Stücks veränderte sich das ruhige Bühnengeschehen dramatisch, als sich bei der Anrufung des Gottes Dionysos der schwarze Hintergrund grün färbte.
Bruder John, der die ganze Zeit seine braune Mönchskutte trug, bot während des Festivals auch eine sehr heitere Vorstellung: Er trug die Schöpfungsgeschichte in Form eines schlichten Liedes vor, während aus den Falten seiner Kutte ein aufblasbarer Planet Erde, Mond, Sonne, ein Blumenstrauss und verschiedene Tiere und Vögel als Ballons aufstiegen.
Die viertägige Reihe meiner Workshops fand in dem grossen Raum statt in dem auch unsere Auffürungen veranstaltet wurden. Alle acht Teilnehmer waren erfahrene Puppenspieler, die niemals zuvor versucht hatten, Papiertheater zu spielen. Dank Gigi Sandberg, die für eine Reihe von kleinen Theatern mit grossartgen Bühnen und Beleuchtung gesorgt hatte, konnten sie sofort ihre Kreativität mit eigenen Inszenierungen entfalten. Sie hätten am liebsten die Workshops länger ausgedehnt, und einige Teilnehmer nahmen ihre Produktionen sogar mit in ihre Schlafquartiere und arbeiteten bis spät in die Nacht daran.
Am letzten Tag des Festivals wurden die Ergebnisse der Workshops vor Publikum aufgeführt. Stil, Gehalt und künstlerische Ausführung waren sehr unterschiedlich aber auf hohem Niveau. Die Themen umfassten: eine japanische Geistergeschichte, ein jüdisches Märchen, ein vergnügliches feministisches Stück, das La Cucuracca, die Schabe" darstellte (absolut ungeeignet für Kinder), eine Aesop-Fabel, Hiawatha (den berühmten Indianerhäuptling) und eine ausgelassene Version des Pinnochio".
Ich hatte vorgeschlagen, dass alle Spieler live" sprechen und nur Hintergrundmusiken, wenn erforderlich, vom Band gespielt werden sollten. Das Ergebnis war, dass zwei der Aufführenden ihre Zuschauer mit einbezogen; die einen mussten ein Lied singen, die anderen die Tierstimmen auf einem Bauernhof nachmachen! Gerne würde ich über alle Spieler und ihre Stücke im Einzelnen berichten, und wie schnell alle die Möglichkeiten des Mediums begriffen, aber die Zeit erlaubt mir nur, eine der Aufführungen detailliert vorzustellen.
Die Arbeit von Jim Rose, einem in der dritten Generation berufsmässigen Puppenspieler aus einer bekannten amerikanischen Puppenspieler-Familie. Seine Version des,, Pinnochio" dürfte eine der vergnüglichsten Papiertheater-Inszenierungen sein, die jemals aufgeführt worden ist. Mit wundervoll gezeichneten einfachen Figuren, die in grosser Geschwindigkeit ihre Posen veränderten. Jims weises Aufknacken" des amerikanischen Sendungsbewusstseins liess die Zuschauer während der fünf Minuten langen Aufführung in brüllendes Gelächter ausbrechen. Er hatte sich auch einige gute Unterwassereffekte einfallen lassen, so, wenn Pinnochio im Bauch des Fisches sitzt. Und Jim hat meine Methode gelernt, Figuren und Dekorationen einfach auf den Boden zu werfen, wenn er sie nicht mehr gebraucht - der Erste bei einem Workshop!
Diese Veranstaltungen haben eine Menge dazu beigetragen, das Ansehen des Papiertheaters unter den amerikanischen Puppenspielern zu heben. Don Abramson, ein Papiertheater-Sammler aus Chikago, zeigte eine Ausstellung traditoneller englischer und anderer europäischer Papiertheater, was das ganze Festival in einen grösseren Zusammenhang stellte.
Ich freue mich sehr, dass ich im November Gelegenheit zu einem dritten USA-Besuch bekomme. Great Small Works, die anderen grossen Meister des amerikanischen Papiertheaters, haben mich eingeladen, auf ihrem New York Festival zu spielen. Dieses Festival ist ausschliesslich dem Papiertheater gewidmet.
Ausser Robert Poulter sind Joe Gladwin, GB, Frits Grimmelikhuizen, NL, Alain Lecucq, F, und Dirk Reimers, D, zum New York Festival im November eingeladen. Das europäische Papiertheater wird also repräsentativ in der Neue Welt vertreten sein.